Aus der Seeländer Bote-Ausgabe von 1850

Conserviren? fortschreiten? oder restauriren?

Mai 16, 2026 - Lesezeit: 10 Minuten

Der nachfolgende Text ist der Originaltext der Ausgabe des Seeländer Bote, der auf der Titelseite am 2. Juli 1850 erschienen war (kursiv):

Man nennt uns die Konservativen, und wir finden es bequemer, diesen Namen selbst zu gebrauchen, um unsern Gegensatz zu den Radikalen zu bezeichnen. Denn die andern Ausdrücke, die auch gebraucht werden, wollen nicht recht in Gang kommen. Die Neigung des Sprachgebrauches ist in solchen Dingen entscheidend. Daher hat auch das Weiß und Roth nicht aufkommen mögen neben dem nicht ungeschickt wieder vorgebrachten Weiß und Schwarz, obgleich die erste Bezeichnung gewiß der Sache, wie sie jetzt ist, besser entsprochen hätte. Es ist uns jedoch keineswegs nur darum zu thun, zu konserviren, und wenn es gut wäre, Einiges restauriren zu können, so wird dieß kaum in einem Lande Europa’s mit Erfolg geschehen, ohne theilweisen ziemlich radikalen Fortschritt. Die Restauration im Jahr 1815 war ein Werk der Gewalt, welcher sich die ermüdeten Völker für einige Jahre willig ergaben. Sie war aber nur ein mechanisch konstruirtes Gebäude, das seine Werkmeister auf die Oberfläche des Bodens hinstellten, unter welchem der Maulwurf des neuern Zeitgeistes fortwühlte. Und seit 30 Jahren hat er so wacker aufgewühlt, daß eine ähnliche Restauration den Verständigern auch nicht im Traume einfallen kann. Wo sie versucht würde, da würde sie dieses Mal nicht fünf, geschweige fünfzehn Jahre dauern. Entweder der Radikalismus wird, ungeachtet der seit anderthalb Jahren in den meisten Ländern erlittenen Niederlagen, wieder das Haupt erheben, und zum Sozialismus und Kommunismus, und damit zur Barbarei fortschreiten; oder wenn Kultur und edlere Gesittung konservirt, erhalten werden sollen, so wird es geschehen müssen in einer Herstellung neuer Grundlagen des innerlichen und äußerlichen Volkslebens, von Umgestaltungen nothwendig sind, die Vielen als sehr radikal vorkommen werden.

In unsern äußerlichen Verhältnissen stehen beinahe nur zwei Punkte noch recht fest, auf welche eine erhaltende, wir sagen eben so gerne eine rettende Politik mit einiger Sicherheit sich stützen kann (zwei Punkte, von welchen Thiers in seinem Buche über das Eigenthum ausgeht), nämlich Familie und Eigenthum. Der konsequente, zum Sozialismus und Kommunismus fortschreitende Radikalismus will auch diese Grundlagen zerstören. Bei uns stehen sie indeß noch ziemlich fest. Diese Grundlagen wollen wir nach Kräften konserviren. Sie werden die moralischen und materiellen Stützpunkte sein, auf welche sich der Bau der neuen Gesellschaft hauptsächlich wird stützen müssen. Was die Familie und das Eigenthum (nach Thiers unübertrefflicher Erklärung die aufgesparte Arbeit) von der innerlichen und äußerlichen, moralischen und rechtlichen Seite sichert und befestigt, das wollen wir vertheidigen. In dieser Beziehung können wir konservativ sein, denn hier ist doch noch etwas Köstliches vorhanden, das erhalten werden kann. Und überhaupt ist in der sittlich-religiösen Ueberzeugung unseres Volkes noch ein Schatz des Guten vorhanden, sonst wäre dieser Umschwung der öffentlichen Meinung, diese Erhebung der bessern Mehrheit des Volkes gegen den Radikalismus nicht zu Stande gekommen. Auf dem Gebiete der Sittlichkeit und Religiosität thäte indeß auch eine Art von Restauration Noth, eine Wiederherstellung manches Guten, das ehedem da war, jetzt aber im gemeinsamen Leben nicht mehr vorhanden ist. Damit das Gute, das wir noch haben, — nämlich unser im Ganzen doch immerfort vor den meisten andern Völkern wohlgeordneter Besitzstand, die Heiligkeit der Ehe und Familie, die Sicherheit des Ertrages jeder ehrlichen Arbeit für das Individuum und für seine Kinder, — damit diese Güter erhalten werden, zu diesem Konservatismus ist erforderlich eine Restauration der Gesinnung, der Denkweise, des Glaubens unserer Väter, wenn auch nicht ganz in den Formen, doch in dem Wesen. Es ist aber, nach unserer tiefsten Ueberzeugung, dazu auch erfor-

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…derlich ein Fortschritt zu neuen Einrichtungen, — zu neuen Anordnungen der äußerlichen Verhältnisse nicht nur in der eigentlich politischen Sphäre, — welcher nur möglich sein wird bei sehr weit gehenden, auf den Grund herabsteigenden, insofern also radikalen Umgestaltungen. Diese aber auch nur anzudeuten, wollen wir für Heute nicht unternehmen. Wir wollten nur zeigen, daß wir uns nicht deßwegen Konservative nennen, weil wir alles zu konserviren wünschten, und daß man uns mit Unrecht verdächtigt, als wenn wir einer Restauration im Sinne des Jahres 1815 Vorschub thun wollten! Wie die Bundeszeitung, so halten wir auch dafür, Einseitigkeiten und Uebertreibungen im Sinne gewisser Anhänger der frühern Zustände müßten nach wenigen Jahren eine stärkere und verderbenvollere Erhebung des Radikalismus zur Folge haben.

Schweiz.

Herr Barman, schweizerischer Geschäftsträger in Paris, ist in der Bundesstadt eingetroffen. Herr Bundespräsident Druey gab ihm zu Ehren am 27. ein Nachtessen.

Nachäfferei.

Louis Napoleon verlangt eine Dotation von 3 Millionen Franken. Alsogleich machen sie es in Klein-Paris (Genf) nach. Dem Schanzenschleifer, Hrn. Fazy, wird für seine daherigen Verdienste ein schöner Schanzenplatz geschenkt. Louis Napoleon muß folgerichtig Straßburg oder Boulogne als Dotation überlassen werden.

Blaues Wunder.

Schon seit drei Wochen besteht die neue Regierung von Bern. — Nach den hyperradikalen Trompetenstößen von Jericho zu urtheilen, hätte während dieser Zeit die freisinnige Eidgenossenschaft und der Kanton Bern kopfüber gestürzt sein müssen, und die Kosakenpferde der Jesuiten hätten in der Aare sich tränken sollen. — Zur Zeit ist von allem dem noch nichts da.

Bern.

In der letzten Nummer hat der Bote seine Ansicht ausgesprochen, daß die abgetretene Regierung schon Stoff genug gehabt hätte, Regierungskommissäre in einige der aufgeregtesten Amtsbezirke abzusenden, und wenn die neue Regierung es jetzt thue, so sei es nothgedrungen. Diese Ansicht ist durch die seither bekannt gewordenen Zustände in Pruntrut vollständig gerechtfertigt. — Leider ist der Raum dieses Blattes zu beschränkt, um mit der nöthigen Ausführlichkeit darüber zu berichten, und der Bote muß sich auf einige Auszüge der Suisse beschränken. Nicht weniger als 72 Beschwerden wurden durch einen Advokaten seit vier Jahren, während der Amtsdauer des dortigen Reg.-Statthalters, der Regierung wider denselben eingereicht; und es ist nicht zu viel gesagt, wenn diejenigen anderer Advokaten oder Partikularen auf 100 angeschlagen werden. — Das sonderbarste aber ist, daß von allem dem in Bern nichts vorgefunden wird, so daß eine Unterschlagung vermuthet werden muß.*)

Diese Beschwerden betreffen unter anderm: willkürliche Verhaftungen; Hausarreste; Entziehung politischer Rechte; kassirte und wieder kassirte Wahlen, weil sie nicht nach Wunsch ausgefallen waren; Rechtsverweigerung; gewaltthätige Einmischung in richterliche Befugnisse; unbeachtete Polizeigesetze, besonders in Betreff der Wirthshäuser; Versuch von Eidesbruch; Nichtvollzug von Strafurtheilen; Begünstigung incompatibler Funktionen durch die gleiche Person; in einem Administrationsrath Ungerechtigte zu Sitz und Stimme zu lassen; einen seiner Verwandten, Franzose von Geburt, in das Bezirksarmenhaus untergebracht; einen Schuldtitel einem Frauenzimmer unter Androhung von Staubesen abgedrungen; eine bis dahin kerngesunde Person aus dem Kanton Freiburg, mit guten Papieren versehen, Lehrerin verschiedener Arbeiten im Bezirksarmenhaus, bei einer Kälte von 20 Grad gewaltthätig über die Grenze geschafft, wodurch ihr eine unheilbare Brustkrankheit wurde. Noch viel anderes wäre anzubringen, namentlich sein Wirthshausleben, seine Verwaltung verschiedener Kassen etc. Jetzt erst kommt alles das, bisher Verheimlichte, an’s Licht, so daß der Regierungsrath sich genöthigt sah, diesen Beamten einzustellen. Die, besonders auf dem Land, äußerst erbitterte Bevölkerung, soll ein Interim wünschen, das dem Amtsbezirk fremd ist.

Eingesandt. (Verspätet.)

Der Oberländer-Anzeiger Nr. 76 bringt unter den Inseraten das Programm des Kantonalfreischießens in Thun. Dasselbe hat neuerdings Gedanken in uns angeregt, die sich uns schon oft bei ähnlichen Anlässen aufdrängten, und die wir nicht länger unterdrücken wollen, auch auf die Gefahr hin, daß wir als hausbacken, philisterhaft oder gar pietistisch sollten verlacht werden.

„1) Das Kantonalfreischießen beginnt Sonntag den 30. Juni.“

„3) Um 9 Uhr Morgens unter Geschützesdonner Einzug des Schützen-Comité.“

„Um 10 Uhr wird zur Sammlung geschlagen.“

„Um 10½ Uhr bewegt sich der Festzug unter Geschützesdonner durch die Stadt auf den Schießplatz.“

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